Textversion Pressearchiv im Gewerbepark Bautzen
13.10.1999 Sächsische Zeitung
Wirtschaftsförderung - SZ-Stammtisch
Reges Geschäftstreiben in Ebersbach am Görlitzer Stadtrand, gähnende Leere in Salzenforst bei Bautzen. Zwei Gewerbegebiete von etwa 80 zwischen Bischofswerda, Weißwasser und Zittau. Was muss passieren, damit es überall so wie "brummt in Ebersbach? Diese und andere Fragen diskutierten Wirtschaftsförderer aus der Lausitz jetzt am SZ-Stammtisch.
Ein Blick zurück
Hefried Schötzig: Anfang der 90er Jahre standen auch in Zittau sowohl einheimische als auch auswärtige potenzielle Investoren Schlange. Viele sind wegen unzureichender Finanzierungskonzepte bereits in der Planungs- und Erschließungsphase abgesprungen.
Jörg Lesche: Es gab damals den Glauben an einen Automatismus: Gewerbegebiet bedeutet Investor, Investor bringt Arbeitsplätze. Da wollte keine Kommune den Zug der Zeit verpassen.
Utz Eisenrigler: Es wurde aber zu sehr auf die grüne Wiese gesetzt und zu wenig auf vorhandene Industrieflächen. Das war anfangs verständlich, denn in vielen Betrieben, die heute leer stehen, wurde ja noch gearbeitet, und man wollte den Investoren schnell Flächen anbieten. 1994/95 war die Chance, diese Entwicklung zu korrigieren. Aber das geschah nicht ernsthaft genug. Aus meiner Sicht war dies ein Fehler. Die Flächen wurden oft nur verkauft und die Alternative der Anmietung vergessen. Und an Existenzgründer und Kleinstbetriebe wurde Anfang der 90er Jahre kaum gedacht. Im Bautzener Gewerbepark Wilthener Straße, der aus dem ehemaligen Robur-Werk entstand, haben sich 16 Existenzgründer eingemietet.
Helfried Schötzig: Wir sind natürlich auch schwarzen Schafen nachgelaufen. Ich erinnere mich an einen Schweizer, der ließ im Zittauer Industrie- und Gewerbegebiet ein Fundament für eine große Werkhalle errichten. Der Mann reist wegen Subventionsbetrugs in Deutschland nicht mehr ein. Das Grundstück ließ sich bis heute nicht vermarkten.
Andreas Heinrich: In Industriebrachen vermuten viele Investoren Altlasten, sie bevorzugen daher die grüne Wiese. Und wenn dann ein Investor kommt, dann will er auch die Wahl haben zwischen mehreren Flächen. Zum Beispiel Toyota: Die Japaner entschieden sich eben für Straßgräbchen, weil das näher an Dresden ist, und nicht für Laubusch. Und für Straßgräbchen ist dieser Investor Gold wert. Dabei war dieses Gewerbegebiet ursprünglich für einen Holz verarbeitenden Betrieb gedacht. Der ist abgesprungen, und da standen wir nun mit unserer beleuchteten Wiese. jetzt gibt es Toyota, und niemand spottet oder schimpft noch.
Wie es jetzt aussieht
Helfried Schötzig: Zittau war ja auch als Standort für Toyota im Gespräch. Die Japaner haben sich diplomatischer gegen uns entschieden als VW. Die gaben uns schriftlich: "Die Ecke kommt für uns nicht in Frage." Insofern sind wir auch alle untereinander Konkurrenten.
Rainer Kiank: Investoren brauchen Rahmenbedingungen, und die wollen sie nicht suchen, sondern auf dem Tablett serviert bekommen. Toyota zum Beispiel hätte sich möglicherweise nie noch weiter entfernt von einem Golfplatz niedergelassen. In Japan spielt jeder Zehnte Golf. Und wenn in Zittau immer, mal wieder die Nachricht von einer möglichen Schließung des Theaters die Runde macht, dann ist das auch höchst schädlich für die Region.
Utz Eisenrigler: Ich habe oft den Eindruck, dass die Investorenwerbung allein den Wirtschaftsförderern überlassen wird. Das ist grundfalsch. Vielmehr muss in einer Kommune eine Verwaltungskultur entwickelt sein, bei der alle nach außen mit einer Sprache sprechen und ein investorenfreundliches Klima erhalten.
Helfried Schötzig: Wir in Zittau haben nach wie vor das Problem, ab vom Schuss zu sein. Beispiel Autobahn: Der kürzeste Weg von Sachsen nach Prag war schon im Mittelalter das so genannte Böhmische Tor bei Zittau. Das haben wir der Staatsregierung auch oft gesagt. Aber nein, die Autobahn nach Prag muss bei Dresden beginnen. Der Neubau der Bundesstraße 178 kommt für uns sehr, sehr spät.
In die Zukunft geschaut
Rainer Kiank: Es ist aber nicht so, dass alle Unternehmen nur einen Platz links und rechts der Autobahn suchen. Wir sind jetzt mit zwei sehr ernst zu nehmenden Firmen im Gespräch, die sich nach der Anzeigenkampagne in mehreren überregionalen Zeitungen gemeldet haben. Da war ja die Autobahn als Standort-Plus für die Oberlausitz vermarktet worden. Der eine Interessent will hier eine Niederlassung bauen, er prüft derzeit Unterlagen für die Gewerbegebiete Kittlitz bei Löbau und Salzenforst bei Bautzen. Der andere sucht eine fertige Halle und möchte gern im Großraum Hoyerswerda/Weißwasser/Löbau ansässig werden. Ich denke, dass wir Ende Oktober konkret ins Gespräch kommen werden.
Jörg Lesche: Das höre ich gern, denn Salzenforst gehört ja zu unseren Sorgenkindern. Ansonsten sind die bestehenden Gewerbegebiete im Kreis Bautzen gegenwärtig durchschnittlich zu 70, 80 Prozent ausgelastet.
Utz Eisenrigier: Die Gebäude und Flächen unseres Gewerbeparks sind derzeit zu mehr als 90 Prozent ausgelastet. Einen gewissen Leerstand halten wir bewusst vor, um bei Neuanmietungen, aber vor allem Expansionswünschen unserer über 40 Mieter jederzeit schnell und flexibel reagieren zu können.
Helfried Schötzig: Unsere Verantwortung als Wirtschaftsförderer hört bei der Investorensuche für Neuansiedlungen nicht auf. In Zittau sind wir gerade dabei, der vom Aus bedrohten Firma "Sachsenmodelle" zu helfen.
Andreas Heinrich: Die möglichen Investoren kommen heute nicht mehr so zahlreich daher wie vor sieben, acht Jahren. Aber wenn einer kommt, soll er die Bedingungen vorfinden, die er haben will. Für den Landkreis Kamenz gibt es wieder einen Interessenten aus Japan mehr will ich aber jetzt noch nicht verraten.
ES DISKUTIERTEN
Rainer Kiank, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Oberlausitz/Niederschlesien
Andreas Heinrich, Leiter des Amtes für Wirtschaft und Planung beim Landratsamt Kamenz
Jörg Lesche, Sachgebietsleiter im Amt für Wirtschaftsförderung beim Landratsamt Bautzen
Helfried Schötzig, Mitarbeiter im Referat Wirtschaftsförderung der Stadtverwaltung Zittau
Utz Eisenrigier, Geschäftsführender Gesellschafter der Gewerbepark Wilthener Straße GmbH, Bautzen
Notiert von Tilo Berger
17.05.2012 © Gewerbepark Wilthener Straße GmbH, Bautzen
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