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 02.12.2000   Sächsische Zeitung

Biete Kraftwerker, suche Call-Center-Agent

Lausitzer Arbeitsmarkt durchlebt einen Wandel

Von Tilo Berger

Am kommenden Dienstag ist es wieder soweit. Der Direktor des Bautzener
Arbeitsamtes, Günter Irmscher, verkündet vor der Presse die neuesten
Zahlen. In den letzten zwölf Monaten schwankte die Zahl der Erwerbslosen
im Arbeitsamtsbezirk Bautzen zwischen 63 000 und fast 71 000; irgendwo
dazwischen wird sich der November einordnen.
Im Oktober gab es zwischen Bischofswerda, Weißwasser und Zittau
genau 64 463 Arbeitslose. So hoch lag die Oktober-Zahl seit 1990 noch
nie. Mit einer Arbeitslosenquote von 19,2 Prozent hält die Region
sachsenweit mit Abstand die "rote Laterne".
Zum Vergleich: In Dresden lag die Oktober-Quote bei 13,9 Prozent,
im Arbeitsamtsbezirk Pirna bei 14,1 Prozent, in der Region Riesa
bei 16,6 Prozent.
Der Grund liegt im Schwund großer, traditioneller Industriezweige
in der Region. Hier fallen mehr Arbeitsplätze weg, als neue in anderen
Branchen geschaffen werden.
Hinzu kommt: Die Branchen, die jetzt Stellen anbieten, suchen dafür
auch Mitarbeiter mit der entsprechenden Qualifikation. Wer gestern
noch auf einer Baustelle arbeitete, kann in der Regel nicht ab morgen
am Kundendiensttelefon eines Call-Centers sitzen. So entsteht die
paradoxe Situation, dass im Arbeitsamtsbezirk Bautzen zwar etwa
65 000 Menschen ohne Job sind, zugleich aber einige Branchen über
Mangel an Fachkräften klagen.
Einige Beispiele für die gegenwärtige wirtschaftliche Situation
in der Lausitz: Waggonbau

Vor einem Jahr beschäftigten die Waggonbauwerke des Konzerns Bombardier
Transportation in Görlitz, Bautzen und Niesky noch etwa 2 700 Mitarbeiter.
Inzwischen hat der Görlitzer Betrieb seinen Großauftrag beim Bau
neuer ICE-Neigetechnikzüge abgearbeitet. Die Deutsche Bahn AG als
Hauptkunde hält sich mit neuen Aufträgen zurück und sieht sich auf
dem Weltmarkt nach preisgünstigeren Angeboten um. Das spüren die
Görlitzer Waggonbauer am eigenen Leib: Wie angekündigt, fielen im
größten Betrieb der Neißestadt in diesem Jahr etwa 300 Stellen weg.
In Bautzen standen bis zu 80 Arbeitsplätze auf dem Spiel; die gute
Auftragslage beim Bau von Straßenbahnen ersparte hier das angedrohte
Streichkonzert.

InnoLausitz

Um ihr Wissen und Können zu bündeln, schuf sich die Lausitz vom
Spreewald bis zum Dreiländereck vierzehn Netzwerke. In diesen arbeiten
etwa 200 Unternehmen, Hochschulen und Kommunen zusammen und tüfteln
an Ideen für neue Produkte und Dienstleistungen. Der Effekt für
den Arbeitsmarkt ist bisher bescheiden, aber das war nicht anders
zu erwarten. Das Netzwerk Oberflächenbeschichtung zum Beispiel hat
bisher sechs neue Arbeitsplätze geschaffen, der Verbund Boden-Bauen-Umwelt
15. Weitere Ideen beschäftigen sich mit technischen Textilien oder
mit einem Kompetenzzentrum für die Lausitzer Glasindustrie. Wenn
alle Beteiligten ihre Projekte gezielt weiterentwickeln, kann InnoLausitz
langfristig zu einer Trendwende auf dem regionalen Arbeitsmarkt
beitragen.

Braunkohlerevier

Die Vereinigte Energiewerke AG (Veag) zählte am 30. Juni 1999 noch
5 694 Mitarbeiter, ein Jahr später waren es 324 weniger. Allein im
Kraftwerk Boxberg arbeiteten 1996 noch 1 764 Frauen und Männer, bis
Ende dieses Jahres werden etwa 1 000 von ihnen ihren Job verloren
haben. Die Lausitzer Braunkohle AG (Laubag) beschäftigte Mitte 1999
noch 6 110 Mitarbeiter, am 30. September 2000 waren es 5 943. So viele
werden es nicht bleiben. Die Veag hatte vor Jahresfrist angekündigt,
bis 2004 auf 4 000 Beschäftigte zu schrumpfen, die Laubag wollte in
dieser Zeit zirka 1 000 Arbeitsplätze streichen. Doch hinter diesen
Zahlen stehen Fragezeichen, weil Veag und Laubag neue Eigentümer
bekommen. Gegenwärtig werden die bei einem Londoner Bankhaus eingegangenen
Kaufangebote gesichtet, Mitte Dezember soll Klarheit über die künftigen
Besitzer herrschen. Fast alle Bewerber kündigten an, den Stromkonzern
mit dem Braunkohlelieferanten fusionieren zu wollen. Die Verschmelzung
kann mehr Arbeitsplätze kosten, als beide Unternehmen ohnehin streichen
wollen. Gestern informierten sich bei der Veag die energiepolitischen
Sprecher der Bundestagsfraktionen von SPD, CDU/CSU, Bündnis 90/Die
Grünen sowie FDP über den Stand des Verkaufsverfahrens.

Bauwirtschaft

Seit Ende 1997 verloren in der sächsischen Lausitz mehr als 10 000 Bauarbeiter
ihren Job. Zurzeit beschäftigen Bauhaupt- und -nebengewerbe in der
Region etwa 24 000 Mitarbeiter in rund 1 200 Betrieben. Überkapazitäten,
mangelnde Zahlungsmoral von Kunden und auch Fehler im Management
von Unternehmen machen der Branche zu schaffen.

Call-Center

Die Nachricht kam im Frühjahr wie ein Fünfer im Lotto: Mannesmann
Mobilfunk baut in Bautzen ein neues Kundenbetreuungszentrum, schafft
mittelfristig etwa 500 Arbeitsplätze. Am 3. Januar nehmen die ersten
133 Kundenbetreuer ihre Arbeit im Bautzener Gewerbepark an der Wilthener
Straße auf. Der Telefon-und Internetdienstleister Twenty4help aus
Dortmund zog in einen sanierten Altbau in Görlitz ein, versprach
300 Arbeitsplätze. Davon wurden bereits mehr als 200 Wirklichkeit.
Kürzlich feierte das Görlitzer Call-Center seine offizielle Eröffnung.
Ein weiteres Call-Center nahm in diesem Jahr in Pulsnitz die Arbeit
auf. Das Arbeitsamt Bautzen schult in mehreren Lehrgängen angehende
so genannte Call-Center-Agents, die von den Unternehmen schon sehnsüchtig
erwartet werden.

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