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Lausitzer Arbeitsmarkt durchlebt einen Wandel Von Tilo Berger Am kommenden Dienstag ist es wieder soweit. Der Direktor des Bautzener Arbeitsamtes, Günter Irmscher, verkündet vor der Presse die neuesten Zahlen. In den letzten zwölf Monaten schwankte die Zahl der Erwerbslosen im Arbeitsamtsbezirk Bautzen zwischen 63 000 und fast 71 000; irgendwo dazwischen wird sich der November einordnen. Im Oktober gab es zwischen Bischofswerda, Weißwasser und Zittau genau 64 463 Arbeitslose. So hoch lag die Oktober-Zahl seit 1990 noch nie. Mit einer Arbeitslosenquote von 19,2 Prozent hält die Region sachsenweit mit Abstand die "rote Laterne". Zum Vergleich: In Dresden lag die Oktober-Quote bei 13,9 Prozent, im Arbeitsamtsbezirk Pirna bei 14,1 Prozent, in der Region Riesa bei 16,6 Prozent. Der Grund liegt im Schwund großer, traditioneller Industriezweige in der Region. Hier fallen mehr Arbeitsplätze weg, als neue in anderen Branchen geschaffen werden. Hinzu kommt: Die Branchen, die jetzt Stellen anbieten, suchen dafür auch Mitarbeiter mit der entsprechenden Qualifikation. Wer gestern noch auf einer Baustelle arbeitete, kann in der Regel nicht ab morgen am Kundendiensttelefon eines Call-Centers sitzen. So entsteht die paradoxe Situation, dass im Arbeitsamtsbezirk Bautzen zwar etwa 65 000 Menschen ohne Job sind, zugleich aber einige Branchen über Mangel an Fachkräften klagen. Einige Beispiele für die gegenwärtige wirtschaftliche Situation in der Lausitz: Waggonbau Vor einem Jahr beschäftigten die Waggonbauwerke des Konzerns Bombardier Transportation in Görlitz, Bautzen und Niesky noch etwa 2 700 Mitarbeiter. Inzwischen hat der Görlitzer Betrieb seinen Großauftrag beim Bau neuer ICE-Neigetechnikzüge abgearbeitet. Die Deutsche Bahn AG als Hauptkunde hält sich mit neuen Aufträgen zurück und sieht sich auf dem Weltmarkt nach preisgünstigeren Angeboten um. Das spüren die Görlitzer Waggonbauer am eigenen Leib: Wie angekündigt, fielen im größten Betrieb der Neißestadt in diesem Jahr etwa 300 Stellen weg. In Bautzen standen bis zu 80 Arbeitsplätze auf dem Spiel; die gute Auftragslage beim Bau von Straßenbahnen ersparte hier das angedrohte Streichkonzert. InnoLausitz Um ihr Wissen und Können zu bündeln, schuf sich die Lausitz vom Spreewald bis zum Dreiländereck vierzehn Netzwerke. In diesen arbeiten etwa 200 Unternehmen, Hochschulen und Kommunen zusammen und tüfteln an Ideen für neue Produkte und Dienstleistungen. Der Effekt für den Arbeitsmarkt ist bisher bescheiden, aber das war nicht anders zu erwarten. Das Netzwerk Oberflächenbeschichtung zum Beispiel hat bisher sechs neue Arbeitsplätze geschaffen, der Verbund Boden-Bauen-Umwelt 15. Weitere Ideen beschäftigen sich mit technischen Textilien oder mit einem Kompetenzzentrum für die Lausitzer Glasindustrie. Wenn alle Beteiligten ihre Projekte gezielt weiterentwickeln, kann InnoLausitz langfristig zu einer Trendwende auf dem regionalen Arbeitsmarkt beitragen. Braunkohlerevier Die Vereinigte Energiewerke AG (Veag) zählte am 30. Juni 1999 noch 5 694 Mitarbeiter, ein Jahr später waren es 324 weniger. Allein im Kraftwerk Boxberg arbeiteten 1996 noch 1 764 Frauen und Männer, bis Ende dieses Jahres werden etwa 1 000 von ihnen ihren Job verloren haben. Die Lausitzer Braunkohle AG (Laubag) beschäftigte Mitte 1999 noch 6 110 Mitarbeiter, am 30. September 2000 waren es 5 943. So viele werden es nicht bleiben. Die Veag hatte vor Jahresfrist angekündigt, bis 2004 auf 4 000 Beschäftigte zu schrumpfen, die Laubag wollte in dieser Zeit zirka 1 000 Arbeitsplätze streichen. Doch hinter diesen Zahlen stehen Fragezeichen, weil Veag und Laubag neue Eigentümer bekommen. Gegenwärtig werden die bei einem Londoner Bankhaus eingegangenen Kaufangebote gesichtet, Mitte Dezember soll Klarheit über die künftigen Besitzer herrschen. Fast alle Bewerber kündigten an, den Stromkonzern mit dem Braunkohlelieferanten fusionieren zu wollen. Die Verschmelzung kann mehr Arbeitsplätze kosten, als beide Unternehmen ohnehin streichen wollen. Gestern informierten sich bei der Veag die energiepolitischen Sprecher der Bundestagsfraktionen von SPD, CDU/CSU, Bündnis 90/Die Grünen sowie FDP über den Stand des Verkaufsverfahrens. Bauwirtschaft Seit Ende 1997 verloren in der sächsischen Lausitz mehr als 10 000 Bauarbeiter ihren Job. Zurzeit beschäftigen Bauhaupt- und -nebengewerbe in der Region etwa 24 000 Mitarbeiter in rund 1 200 Betrieben. Überkapazitäten, mangelnde Zahlungsmoral von Kunden und auch Fehler im Management von Unternehmen machen der Branche zu schaffen. Call-Center Die Nachricht kam im Frühjahr wie ein Fünfer im Lotto: Mannesmann Mobilfunk baut in Bautzen ein neues Kundenbetreuungszentrum, schafft mittelfristig etwa 500 Arbeitsplätze. Am 3. Januar nehmen die ersten 133 Kundenbetreuer ihre Arbeit im Bautzener Gewerbepark an der Wilthener Straße auf. Der Telefon-und Internetdienstleister Twenty4help aus Dortmund zog in einen sanierten Altbau in Görlitz ein, versprach 300 Arbeitsplätze. Davon wurden bereits mehr als 200 Wirklichkeit. Kürzlich feierte das Görlitzer Call-Center seine offizielle Eröffnung. Ein weiteres Call-Center nahm in diesem Jahr in Pulsnitz die Arbeit auf. Das Arbeitsamt Bautzen schult in mehreren Lehrgängen angehende so genannte Call-Center-Agents, die von den Unternehmen schon sehnsüchtig erwartet werden.
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