|
Bald 1 300 Arbeitsplätze in über 45 Firmen / Gute Bedingungen für Existenzgründer Von Helga Koch Das ist doch völlig verrückt." Diese Worte schnappte ein Journalist auf, irgendwann Anfang der 90er Jahre. Utz Eisenrigler hatte gerade zu seiner ersten Führung durch das stillgelegte, schmuddelig-triste Robur-Werk an der Wilthener Straße in Bautzen eingeladen und trug seine Vision von einem Gewerbepark vor. Da sagte jemand hinter wohlweislich vorgehaltener Hand den erwähnten Satz. Doch was vor einem knappen Jahrzehnt als allzu kühne Vision, wenn nicht gar verrückte Idee erschien, hat sich inzwischen längst als ausgeklügeltes Konzept erwiesen. Mit dem Gewerbepark Wilthener Straße ist einer jener Blütenträume von 1990 gereift, von denen dem Osten Deutschlands viel mehr zu wünschen wären . . . Gelungenes Beispiel für "Industrie West hilft Ost" Eigentlich fing die Geschichte für Utz Eisenrigler mit einer Betrachtung der Wiedervereinigung aus der Ferne an. 1989 war der gelernte Industriekaufmann, der sich längst zum erfolgreichen Geschäftsführer bei einem damals in Europa führenden Anhänger-Hersteller und Mitinhaber einer europäischen Holding empor gearbeitet hatte, für eine Weile "ausgestiegen". Er hatte sich ein Boot nach eigenen Vorstellungen bauen lassen und segelte mit der Familie um die Welt. Irgendwo unterwegs konnte er durch meist winzige Zeitungsmeldungen die sich überstürzenden Ereignisse im Osten Deutschlands verfolgen. Als er später wieder in seiner nordrhein-westfälischen Heimat war, fragte ihn sehr bald der Verband der Automobil-Industrie, ob er nicht bei Robur mithelfen könnte. Er sagte zu und ging nach Bautzen: "Aber nicht als der Typ des Beraters mit einem berühmt-berüchtigten Honorar!" Im Robur-Werk an der Wilthener Straße arbeiteten früher 400 Beschäftigte. Doch zu retten war der Betrieb nicht, der Liquidator hatte schon das Sagen. Eisenrigler empfahl dem und der damaligen Geschäftsleitung, die Industriebrache in einen Gewerbepark zu verwandeln. Statt auf grüne Wiese ins alte Fabrikgelände Weil den Robur-Mitarbeitern die Arbeitslosigkeit drohte, sollten Belegschaftsangehörige selbst kleine Firmen gründen und sich im Gewerbepark ansiedeln können. "Der Betriebsleiter war von der Idee begeistert, die Beschäftigten, Liquidator, Regierungspräsidium und Wirtschaftsministerium waren wohl gesonnen. Aber von der Belegschaft wollte schließlich doch keiner mitmachen", blickt Utz Eisenrigler zurück. Mit dem erfahrenen Betriebsleiter Alfred Müller nahm er die Sache selbst in die Hand, zumal Bautzen als traditionsreicher Standort und die günstigen Verkehrsanbindungen dafür sprachen. Hinzu kam der Reiz einer völlig neuen Aufgabe. Während zu jener Zeit überall auf der "grünen Wiese" Gewerbegebiete wie Pilze nach einem warmen Regen aus dem Boden schossen, favorisierte Eisenrigler das Robur- und frühere Chemiebetriebsgelände. "Es gab Unmengen von Altlasten: feste und flüssige Kohlenwasserstoffe, Tausende Kubikmeter waren von asbesthaltigem Liegestaub durch abgedrehte Bremsbeläge zu reinigen. Wir haben beispielsweise auch 155 Fahrzeuge übernehmen müssen, vom Bus über den Kran bis hin zu 30 Gabelstaplern und Containerfahrzeugen. Die Maschinen waren teils vorsintflutlich, aber trotz einiger Probleme konnten wir sie doch loswerden." Im Dezember 92 kaufte die Stadt Bautzen die Liegenschaft von der Treuhandanstalt, ließ ab Jahresbeginn 1993 bis Mitte des folgenden Jahres mit Hilfe umfangreicher Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen das Gelände ab- bzw. aufräumen. Kosten: rund zehn Millionen Mark. Dann erwarb die inzwischen gegründete Gewerbepark Wilthener Straße GmbH mit ihren Geschäftsführern Utz Eisenrigler und Alfred Müller die Immobilie, und Mitte 1994 ging es "richtig" los. Um mittlere und Kleinbetriebe, Firmen der Hochtechnologie-Branche und moderne Dienstleister ansiedeln zu können, musste alles erst einmal passend gemacht werden. Schritt und Schritt, je nach Bedarf, wurden Hallen bzw. Gebäudekomplexe verkleinert, Innenhöfe und Zugänge geschaffen, Anbauten abgerissen, alle Gebäude saniert, manche völlig entkernt, Dächer, Fensterfronten, Türen und Tore erneuert, Wände wärmegedämmt, sämtliche Medien erneuert, die Innenräume je nach Wunsch der Mieter zugeschnitten . . . Und damit es kein Null-Acht-Fünfzehn-Gewerbegebiet, sondern ein städtebaulich ansprechender Gewerbepark wurde, galt es, die Zufahrts-und Gehwege, Parkplätze und eine ansprechende Bepflanzung zu gestalten. Alle Gebäude gleichen sich eigentlich nur in einem: Tore, Türen und Fenster erhielten einen mintfarbenen Anstrich, der dem gesamten Park ein unverwechselbares Gesicht verleiht. Betriebe aus der Region gaben sich bei all den Arbeiten die Klinke in die Hand. Noch 1994 mieteten sich die ersten Firmen ein. Wer den Gewerbepark "nur mal so" besucht, zum Beispiel das Reha-Zentrum oder die "Erlebniswelt des Sports" oder das Hotel "Residence", kann sich gewiss vorstellen, dass in so einem Umfeld das Arbeiten Freude macht - eines der wichtigsten Ziele der Geschäftsführer. "Wir gestalten jede einzelne Halle, jedes Büro, jede Werkstatt so, dass sie den Bedürfnissen der künftigen Nutzer entspricht", versichert der Geschäftsführer. Dass er mit seinem Konzept Erfolg hat, beweisen die Zahl und das Spektrum "seiner" Mieter, von denen einige als so genanntes Positivgewerbe Mietzuschüsse durch das Regierungspräsidium erhalten. Inzwischen haben mehr als 45 Firmen auf dem 65 500 Quadratmeter großen Areal angesiedelt, unter ihnen namhafte wie Philips Medical Systems, Mannesmann Mobilfunk, Diakoniewerk und Kolping-Bildungswerk oder solche aus der Region wie das Modehaus Rauer, das Ingenieurbüro Günther, der Handwerkerinnen-Hof, Bautzen-Glas, die Theaterwerkstätten, Dimmel-Software oder das Sanitätshaus Adermann. Rund 800 Arbeits- und Ausbildungsplätze bestehen gegenwärtig, nach der Ansiedlung des Mannesmann-Call-Centers und der Apcon werden es fast doppelt so viele und damit ein Mehrfaches wie zu DDR-Zeiten sein. "Wir dürfen uns hier eines Miteinanders erfreuen, wie in einer großen Familie" - meint Utz Eisenrigler, und die Mieter bestätigen es einhellig. Die Atmosphäre sei angenehm, der Umgang konstruktiv und optimal, man treffe sich, kommuniziere untereinander. Investitionen keineswegs in den Sand gesetzt Das Gros der Mieter gehört zum produktiven und Dienstleistungsbereich. Der Anteil der Frauen an den Beschäftigten liegt bei über 50 Prozent und wird durch das Mannesmann-Call-Center auf zwei Drittel steigen. Dass seit 1994 von 16 Existenzgründern nur drei das Handtuch werfen mussten, sei für ihn eine besondere Erfolgsquote, sagt Eisenrigler. Das Areal ist zu 97 Prozent ausgelastet, nur 1 350 Quadratmeter direkt an der Wilthener Straße sind noch verfügbar und könnten nach Bedarf mit einem Drei-Geschosser bebaut werden. Die Gewerbepark GmbH investiert in dieses Vorhaben rund 50 Millionen Mark. Auch die Folgeinvestitionen der Firmen sind immens. Mannesmann lässt sich das Call-Center 57 Millionen Mark kosten, Apcon baut für neun Millionen ein Rechenzentrum. Dass die kühne Vision wahr geworden ist, verdanken Eisenrigler und Müller wohl ihrer Entschlossenheit, ihren Erfahrungen. Und gewiss auch dem Rückhalt des in Wuppertal ansässigen, finanzstarken Gesco-Konzerns, der unter anderem technologisch führende Unternehmen in den neuen Bundesländern ansiedelt und zu den Gesellschaftern der Bautzener Gewerbepark GmbH gehört. Zuhause im Bauernhaus in der Nähe von Bautzen Längst wohnt der 56-jährige Utz Eisenrigler nicht mehr in einer Wohnung auf dem Gelände des Gewerbeparks, sondern fand nahe der Spreestadt mit seiner Familie in einem sanierten Bauernhaus ein Zuhause. Sohn Ralf schloss in Dresden das Studium als Diplom-Betriebswirt ab, stieg mit ins Unternehmen ein und absolvierte auch das Zweitstudium als Immobilien-Ökonom erfolgreich. Als die Eisenriglers aus dem Rheinland fortzogen, hat vielleicht wieder jemand hinter vorgehaltener Hand etwas von verrückt geflüstert. Das dürfte den Geschäftsmann nicht beirrt haben.
|