Der ganz besondere GewerbePark  


 
 
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 02.10.2000   Sächsische Zeitung

Aus Aschenputtel wird eine Prinzessin - Vielfältige Branchen an Stelle der früheren Industriebrache

Bald 1 300 Arbeitsplätze in über 45 Firmen / Gute Bedingungen für Existenzgründer

Von Helga Koch

Das ist doch völlig verrückt." Diese Worte schnappte ein Journalist
auf, irgendwann Anfang der 90er Jahre. Utz Eisenrigler hatte gerade
zu seiner ersten Führung durch das stillgelegte, schmuddelig-triste
Robur-Werk an der Wilthener Straße in Bautzen eingeladen und trug
seine Vision von einem Gewerbepark vor. Da sagte jemand hinter wohlweislich
vorgehaltener Hand den erwähnten Satz. Doch was vor einem knappen
Jahrzehnt als allzu kühne Vision, wenn nicht gar verrückte Idee
erschien, hat sich inzwischen längst als ausgeklügeltes Konzept
erwiesen. Mit dem Gewerbepark Wilthener Straße ist einer jener Blütenträume
von 1990 gereift, von denen dem Osten Deutschlands viel mehr zu
wünschen wären . . .

Gelungenes Beispiel für "Industrie West hilft Ost"

Eigentlich fing die Geschichte für Utz Eisenrigler mit einer Betrachtung
der Wiedervereinigung aus der Ferne an. 1989 war der gelernte Industriekaufmann,
der sich längst zum erfolgreichen Geschäftsführer bei einem damals
in Europa führenden Anhänger-Hersteller und Mitinhaber einer europäischen
Holding empor gearbeitet hatte, für eine Weile "ausgestiegen". Er
hatte sich ein Boot nach eigenen Vorstellungen bauen lassen und
segelte mit der Familie um die Welt. Irgendwo unterwegs konnte er
durch meist winzige Zeitungsmeldungen die sich überstürzenden Ereignisse
im Osten Deutschlands verfolgen. Als er später wieder in seiner
nordrhein-westfälischen Heimat war, fragte ihn sehr bald der Verband
der Automobil-Industrie, ob er nicht bei Robur mithelfen könnte.
Er sagte zu und ging nach Bautzen: "Aber nicht als der Typ des Beraters
mit einem berühmt-berüchtigten Honorar!" Im Robur-Werk an der Wilthener
Straße arbeiteten früher 400 Beschäftigte. Doch zu retten war der
Betrieb nicht, der Liquidator hatte schon das Sagen. Eisenrigler
empfahl dem und der damaligen Geschäftsleitung, die Industriebrache
in einen Gewerbepark zu verwandeln.

Statt auf grüne Wiese ins alte Fabrikgelände

Weil den Robur-Mitarbeitern die Arbeitslosigkeit drohte, sollten
Belegschaftsangehörige selbst kleine Firmen gründen und sich im
Gewerbepark ansiedeln können. "Der Betriebsleiter war von der Idee
begeistert, die Beschäftigten, Liquidator, Regierungspräsidium und
Wirtschaftsministerium waren wohl gesonnen. Aber von der Belegschaft
wollte schließlich doch keiner mitmachen", blickt Utz Eisenrigler
zurück. Mit dem erfahrenen Betriebsleiter Alfred Müller nahm er
die Sache selbst in die Hand, zumal Bautzen als traditionsreicher
Standort und die günstigen Verkehrsanbindungen dafür sprachen. Hinzu
kam der Reiz einer völlig neuen Aufgabe.
Während zu jener Zeit überall auf der "grünen Wiese" Gewerbegebiete
wie Pilze nach einem warmen Regen aus dem Boden schossen, favorisierte
Eisenrigler das Robur- und frühere Chemiebetriebsgelände. "Es gab
Unmengen von Altlasten: feste und flüssige Kohlenwasserstoffe, Tausende
Kubikmeter waren von asbesthaltigem Liegestaub durch abgedrehte
Bremsbeläge zu reinigen. Wir haben beispielsweise auch 155 Fahrzeuge
übernehmen müssen, vom Bus über den Kran bis hin zu 30 Gabelstaplern
und Containerfahrzeugen. Die Maschinen waren teils vorsintflutlich,
aber trotz einiger Probleme konnten wir sie doch loswerden." Im Dezember 92
kaufte die Stadt Bautzen die Liegenschaft von der Treuhandanstalt,
ließ ab Jahresbeginn 1993 bis Mitte des folgenden Jahres mit Hilfe
umfangreicher Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen das Gelände ab- bzw.
aufräumen. Kosten: rund zehn Millionen Mark. Dann erwarb die inzwischen
gegründete Gewerbepark Wilthener Straße GmbH mit ihren Geschäftsführern
Utz Eisenrigler und Alfred Müller die Immobilie, und Mitte 1994
ging es "richtig" los. Um mittlere und Kleinbetriebe, Firmen der
Hochtechnologie-Branche und moderne Dienstleister ansiedeln zu können,
musste alles erst einmal passend gemacht werden.
Schritt und Schritt, je nach Bedarf, wurden Hallen bzw. Gebäudekomplexe
verkleinert, Innenhöfe und Zugänge geschaffen, Anbauten abgerissen,
alle Gebäude saniert, manche völlig entkernt, Dächer, Fensterfronten,
Türen und Tore erneuert, Wände wärmegedämmt, sämtliche Medien erneuert,
die Innenräume je nach Wunsch der Mieter zugeschnitten . . . Und damit
es kein Null-Acht-Fünfzehn-Gewerbegebiet, sondern ein städtebaulich
ansprechender Gewerbepark wurde, galt es, die Zufahrts-und Gehwege,
Parkplätze und eine ansprechende Bepflanzung zu gestalten. Alle
Gebäude gleichen sich eigentlich nur in einem: Tore, Türen und Fenster
erhielten einen mintfarbenen Anstrich, der dem gesamten Park ein
unverwechselbares Gesicht verleiht. Betriebe aus der Region gaben
sich bei all den Arbeiten die Klinke in die Hand. Noch 1994 mieteten
sich die ersten Firmen ein. Wer den Gewerbepark "nur mal so" besucht,
zum Beispiel das Reha-Zentrum oder die "Erlebniswelt des Sports"
oder das Hotel "Residence", kann sich gewiss vorstellen, dass in
so einem Umfeld das Arbeiten Freude macht - eines der wichtigsten
Ziele der Geschäftsführer. "Wir gestalten jede einzelne Halle, jedes
Büro, jede Werkstatt so, dass sie den Bedürfnissen der künftigen
Nutzer entspricht", versichert der Geschäftsführer. Dass er mit
seinem Konzept Erfolg hat, beweisen die Zahl und das Spektrum "seiner"
Mieter, von denen einige als so genanntes Positivgewerbe Mietzuschüsse
durch das Regierungspräsidium erhalten. Inzwischen haben mehr als
45 Firmen auf dem 65 500 Quadratmeter großen Areal angesiedelt, unter
ihnen namhafte wie Philips Medical Systems, Mannesmann Mobilfunk,
Diakoniewerk und Kolping-Bildungswerk oder solche aus der Region
wie das Modehaus Rauer, das Ingenieurbüro Günther, der Handwerkerinnen-Hof,
Bautzen-Glas, die Theaterwerkstätten, Dimmel-Software oder das Sanitätshaus
Adermann.
Rund 800 Arbeits- und Ausbildungsplätze bestehen gegenwärtig, nach
der Ansiedlung des Mannesmann-Call-Centers und der Apcon werden
es fast doppelt so viele und damit ein Mehrfaches wie zu DDR-Zeiten
sein. "Wir dürfen uns hier eines Miteinanders erfreuen, wie in einer
großen Familie" - meint Utz Eisenrigler, und die Mieter bestätigen
es einhellig. Die Atmosphäre sei angenehm, der Umgang konstruktiv
und optimal, man treffe sich, kommuniziere untereinander.

Investitionen keineswegs in den Sand gesetzt

Das Gros der Mieter gehört zum produktiven und Dienstleistungsbereich.
Der Anteil der Frauen an den Beschäftigten liegt bei über 50 Prozent
und wird durch das Mannesmann-Call-Center auf zwei Drittel steigen.
Dass seit 1994 von 16 Existenzgründern nur drei das Handtuch werfen
mussten, sei für ihn eine besondere Erfolgsquote, sagt Eisenrigler.
Das Areal ist zu 97 Prozent ausgelastet, nur 1 350 Quadratmeter direkt
an der Wilthener Straße sind noch verfügbar und könnten nach Bedarf
mit einem Drei-Geschosser bebaut werden.
Die Gewerbepark GmbH investiert in dieses Vorhaben rund 50 Millionen
Mark. Auch die Folgeinvestitionen der Firmen sind immens. Mannesmann
lässt sich das Call-Center 57 Millionen Mark kosten, Apcon baut
für neun Millionen ein Rechenzentrum. Dass die kühne Vision wahr
geworden ist, verdanken Eisenrigler und Müller wohl ihrer Entschlossenheit,
ihren Erfahrungen. Und gewiss auch dem Rückhalt des in Wuppertal
ansässigen, finanzstarken Gesco-Konzerns, der unter anderem technologisch
führende Unternehmen in den neuen Bundesländern ansiedelt und zu
den Gesellschaftern der Bautzener Gewerbepark GmbH gehört.

Zuhause im Bauernhaus in der Nähe von Bautzen

Längst wohnt der 56-jährige Utz Eisenrigler nicht mehr in einer
Wohnung auf dem Gelände des Gewerbeparks, sondern fand nahe der
Spreestadt mit seiner Familie in einem sanierten Bauernhaus ein
Zuhause. Sohn Ralf schloss in Dresden das Studium als Diplom-Betriebswirt
ab, stieg mit ins Unternehmen ein und absolvierte auch das Zweitstudium
als Immobilien-Ökonom erfolgreich. Als die Eisenriglers aus dem
Rheinland fortzogen, hat vielleicht wieder jemand hinter vorgehaltener
Hand etwas von verrückt geflüstert. Das dürfte den Geschäftsmann
nicht beirrt haben.

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